Die Kolumne „Die Frage zur Gegenwart“ habe ich als Textchefin für das Tush Magazin entwickelt und verfasst. Die hier nochmals publizierten Texte stammen aus dem Zeitraum von 2008 bis 2010. In loser Folge setzte ich hier die Kolumne zu brisanten und anderen Fragen zur Gegenwart mit größtem Vergnügen fort.
TUSH #24,12.2.2

Warum fährt man SUVs?

Als ich vor einigen Wochen hinter einem Porsche Cayenne mit meinem smarten Citycar-Zweisitzer an einer Ampel zum Stehen kam, schoss mir eine Frage wie ein Blitz durch den Kopf: Ein SUV – was ist das eigentlich? Der Cayenne blubberte aus seinen vier schlotigen Rohren Abgase in die Welt, die grauschwer zu Boden sanken und, so meine Angst, mich in den nächsten Sekunden vergiften würden. Ein plötzlicher Husten schüttelte mich. Als die Ampel auf Grün sprang, wechselte ich erleichtert die Spur. Kurz danach strahlte das Fernsehen den Film „The Oil Crash“ aus. Seitdem lassen mich die SUVs überhaupt nicht mehr los. Ich beobachte tagtäglich die Formen menschlicher Beweglichkeiten im Verkehr und kalkuliere den dazu verwendeten Energieverbrauch. Seit meinem Beinahe-Erstickungstod versuche ich Antworten auf die mentale Disposition von Fahrern und Fahrerinnen der Sport Utility Vehicles zu finden. Dieses Unterfangen fällt mir in der Stadt, in der ich aktuell wohne, überhaupt nicht schwer. Aufgrund der international bekannten Automarken, die von hier aus die Welt mobil machen, gilt die Stadt als die Stadt auf vier Rädern. Obwohl seit einigen Jahren die Kommunalverwaltung einige Anstrengungen unternimmt, diese Stadt auch für Fahrradfahrer angenehm zu gestalten, bleibt das Leben ohne Auto gefährlich genug. Schließlich lebt eine ganze Region von diesen automobilen Marken. Nun, und weil diese Stadt auch eine spezielle Kessel-Topographie aufweist und das Cruisen durch das urbane Gelände in manchen Abschnitten hochalpine Gefühle weckt, wird man hier als Fahrradfahrer auch zum Leistungssportler. Mobilität hat hier ihre Tücken, was die hohe Automobilaffinität zudem begründet. Doch trotz aller Umstände will es mir nicht einleuchten, weshalb in dieser Stadt, aber gerade auch in allen anderen deutschen Städten in den letzten Jahren ein steigender Einsatz von SUVs zu beobachten ist. Warum? Unsere Straßen sind keine Schotterpisten und das Klima ist in unseren Breitengraden auch nicht sonderlich polar. Es kann einfach keine ausschließliche Angelegenheit landschaftlicher oder anderer Sachzwänge sein, die Mann und Frau gleich Klingonen ihre Fahrzeuge massiv durch die Stadt steuern lassen. Es muss, so vermute ich, an einer noch nicht näher erforschten Verkehrspsychologie liegen, dass Mobilität aktuell von einem Verdrängungskampf der Großen gegen den ganzen Verkehrsrest gekennzeichnet ist.

Nehmen wir deswegen einmal den Fall an, dass Klingonen tatsächlich mit ihren Raumschiffen nicht erst im 22. Jahrhundert unserer Zeitrechnung auftauchen, sondern bereits jetzt, verstehen wir die SUVs und ihre Lenker/innen vielleicht besser. Wir stellen uns SUV-Driver/innen deswegen einmal als Repräsentanten dieser kriegerischen Zivilisation vor, die mit ihren Kreuzern, Aufklärern, Tankern sowie Scout- und Angriffsschiffen der D5-Klasse auf unserem Planeten gelandet sind. Was zeichnet Klingonen aus, weswegen sie besonders große Fahrzeuge auf der Erde benutzen müssten?

Klingonen sind äußerst kälteempfindlich und leiden häufig unter Allergien. Es ist ihnen auch verhasst, körperliche Gebrechen oder Krankheiten zuzugeben. Insofern bilden sie eine verschwiegene Gemeinschaft, die aufgrund ihrer Umgangsformen auch häufig als primitiv angesehen wird. Ihre Psyche ist weniger stabil, als man vom ersten Eindruck schließen kann: Geraten sie beispielsweise in Gefangenschaft, zeigen sie sich wenig anpassungsfähig. Allgemein wird die Organisationsform der klingonischen Gesellschaft als Feudalsystem beschrieben, dessen Zusammenhalt durch die traditionellen Familien oder „die großen Häuser“ garantiert wird. Was die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau angeht, ist sie einerseits klassisch zu nennen, indem Männer das öffentliche Leben bestimmen, Frauen hingegen den Haushalt und die Familie beherrschen. Allerdings besitzt das Rollenverständnis auch eine höchst emanzipatorische Note, da von den Frauen erwartet wird, in ihrer körperlichen Kraft sowie in ihrer blutdürstigen Ruhmsucht mit den Männern gleichzuziehen. Ein besonderer Aspekt, den wir hier zuletzt nennen möchten, bezieht sich auf das Verhältnis der Klingonen zum Jenseits. Das klingonische Jenseits ist ein Nirwana ohne Götter, seitdem Urklingonen sämtliche ihrer Götter in der Erkenntnis, sie brächten ihnen mehr Ärger als Nutzen, vor einigen tausend Jahren erschlugen. Der Tod ist den Klingonen der allerletzte Feind.

Was ist aus dem Wissen über die klingonische Gemeinschaft für unsere Frage zur Gegenwart fruchtbar zu machen? Weil die SUV-Schiffe genauso häufig von Frauen wie von Männern gefahren werden, bildet sich hiermit sicherlich das emanzipatorische Moment eines geschlechterunabhängigen kämpferischen Willens bis aufs Blut ab, der für die Erhaltung der Art zweifellos notwendig ist. Die zarte junge Brut ist in einem SUV-Panzer ziemlich sicher. Aber gerade wenn man allein unterwegs ist – und meistens sitzt in einem SUV nur eine Person –, garantiert der hohe Radstand eine sehr gute Übersicht, um einen frontal angreifenden Gegenverkehr zu sichten, und auch das Kapern eines solchen Fahrzeugs aus dem Hinterhalt ist kein Kinderspiel. Wir haben es bei SUV-Usern in mehrfacher Hinsicht mit extremen Sicherheitsbedürfnissen zu tun, sie gehen im Grunde genommen von einem Kriegszustand aus, den offensichtlich nur noch nicht alle mitbekommen haben.

Ja, ein SUV ist wieder einmal eine amerikanische Erscheinung, die genauso wie das Aerobic aus dem Militär in den Alltag übersprang. Der Urtypus des SUV ist der „Hummer“, welcher dem ‚grünen‘ Gouverneur Schwarzenegger immerhin noch einen letzten Rest an Terminator lässt. Inzwischen heißt es, Schwarzenegger, überhaupt der erste Käufer eines auf die zivile Nutzung getrimmten „Hummers“, habe seine „Hummer“-Flotte inzwischen auf vier Fahrzeuge dezimiert und eines dabei auf Hybridantrieb umrüsten lassen.

Amerika, das Land der Pioniere und Siedler, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, eine Nation mit großen Werten und zugleich in großer Angst, scheint in seiner Archaik auch hierzulande eine Schicht dort abzuholen, wo sie sich ernst genommen fühlt, weil sie mit der globalen Welt im tiefsten Inneren womöglich hadert. Denn diese Welt, die von einer immer größeren Differenzierung geprägt ist, in welcher Wohnen, Arbeiten, Bildung und Erholung räumlich voneinander getrennt sind, erfordert die Überwindung räumlicher Distanz. Der Mobilität fällt die Funktion zu, Menschen sozial zu re-integrieren, weil sie durch die Differenzierung sozialer Sphären entwurzelt wurden. Ein SUV ist, so unsere Bilanz, ein mobiles Ghetto, ein Gated-Car, das ein Gated-Community-Feeling in den Straßenverkehr hinein verlängert, um die zeitgenössische Situation auf das Bequemste nicht nur physisch, sondern auch psychisch zu verdrängen. Letztlich ist ein SUV ein Planwagen der Luxusklasse mit eingebauten Scheuklappen. Unsere These also lautet: Den bislang martialischsten Phänotypen eines Autos nimmt man, weil man zwar erobern, doch besser nicht wissen will, wofür oder gegen was es noch zu kämpfen gilt. Entschlossen unentschlossen scheint demnach der Charakter.

Die Kolumne „Die Frage zur Gegenwart“ habe ich als Textchefin für das Tush Magazin entwickelt und verfasst. Die hier nochmals publizierten Texte stammen aus dem Zeitraum von 2008 bis 2010. In loser Folge setzte ich hier die Kolumne zu brisanten und anderen Fragen zur Gegenwart mit größtem Vergnügen fort.
TUSH #24,12.2.2