Was ist Erfolg?
Eine inzwischen gängige Definition von Erfolg lautet: Erfolg ist die Summe richtiger Entscheidungen. Das war nicht immer so. Erfolg hatte ursprünglich einmal die einfache Bedeutung, den Verlauf eines Ereignisses zu schildern. Vermutlich lebt im deutschen Strafrecht deswegen immer noch der Begriff Erfolg im Sinne der Tatbestandsverwirklichung weiter. Was heute Erfolg genannt wird, nannte man früher gerne auch Glück oder, kriegerisch gewendet, Sieg. Erfolg, wie wir den Begriff heute verstehen, ist das Ergebnis einer unsere Gegenwart weiterhin dominierenden Entwicklung, nämlich jener der Industrialisierung. Das Ziel unternehmerischen Wirtschaftens, mittels planvollen Handelns Gewinn zu erreichen, heißt ab Ende des 19. Jahrhunderts dann vor allem Erfolg. Wachstum! Rendite! Und weiter getrieben wurde der Erfolgsbegriff nicht nur hinein in das messbare Ziel und die Maxime eines Unternehmens, sondern auch in die Sphäre des privaten Glücks. Heute ist es doch so: Glück ist ohne messbaren Erfolg kaum mehr gesellschaftsfähig. Oder, wie sehen Sie das? Wie performen Sie heute? Morgen? Übermorgen?
Nun gab es kürzlich wieder einmal Ergebnisse einer Umfrage unter Prominenten zu lesen. Diese Prominenten wurden gefragt, was denn für sie der größte Luxus sei. Die einhellige Antwort lautete: Zeit haben. Wenn man prominent ist, also gemäß der Wortgeschichte hervorragend, bedeutend, bekannt oder maßgebend, summa summarum alles gebräuchliche Synonyme für erfolgreich, hat man – wendet man die Antwort konsequent in ihr Gegenteil – wenig Zeit. Sonst würde man Zeit nicht einen Luxus nennen. Denn Luxusgüter sind bekanntlich knappe Güter. Sie sind nach den üblichen markttheoretischen Annahmen deswegen auch sehr teuer.
Die Gründe, warum nun ein Magazin prominente Menschen danach gefragt hat, was für sie ein Luxus ist, könnten folgender Art sein: weil prominente Worte zum einen Gewicht und Bedeutung haben können, und zum anderen die Befragten über genügend Kapital verfügen, um sich aus der weiten Welt des Luxus ihren persönlichen Lieblingsluxus zu leisten. (Man will ja auf jeden Fall irgendeine passable Antwort bekommen.) Zeit zu haben ist also für einige Menschen auf dieser Welt ein teuer erworbenes Gut. Zwischen Erfolg, Luxus, Kapital und Zeit existieren demnach mehr oder minder verborgene Zusammenhänge, die letztlich auch überlegen lassen, ob „Zeit haben“ entweder die Summe richtiger oder die Summe falscher Entscheidungen ist. Welche Maximen spielen hier wohl eine Rolle?
Bleiben wir noch kurz beim Thema Zeit. Dieses seltsam bewertete Gut der Zeit hat die Eigenschaft, im Unsichtbaren zu wirken. Wie sieht „Zeit haben“ oder „Zeit nicht haben“ denn prinzipiell aus? Oh ja, es gibt wirklich sehr teure, aufwändig gearbeitete Uhren, großartige Chronometer, wasserdicht, mit komplex-kompliziertem Innenleben, brillantengeschwängert, mit dekorativen Zifferblättern und optisch verbesserter Datumsanzeige. Wenn man sie trägt, zeigt man dann, dass man Zeit hat? Vermutlich eher nein. Vermutlich besitzt man das Chronometer vielmehr aus Schmuckgründen, kauft es als Wertanlage oder, was auch sein kann, aus Status- oder Kontrollgründen. Die Uhr funktioniert als Alleinstellungsmerkmal zum Zwecke gesellschaftlicher Distinktion oder in letzterem Fall als Signal, man habe alles im Griff, ist strukturiert, pünktlich und weiß, als Herrschender über die Zeit, was die Stunde geschlagen hat. Uhren haben demnach vielmehr mit „Zeit messen“ als mit „Zeit haben“ zu tun und sind demnach als Symbol wenig geeignet dazu, „Zeit haben“ möglichst treffend abzubilden.
In der Geschichte der Darstellung von Zeit gibt es hingegen ein sehr prägnantes Instrument, das „Zeit haben“ als Zeitverlauf schildert und das darüber hinaus mit einer Endgültigkeit versehen ist: Die Sanduhr, auch Stundenglas genannt, funktioniert ziemlich simpel. Je nach Größe zweier Glaskolben, die durch ein dünnes Röhrchen verbunden sind, rinnt ein spezielles Sandgemisch von oben nach unten durch und gibt je nach Menge des Sandes gebräuchlicherweise Zeitphasen von 1 Stunde, 30 oder 5 Minuten an. Insofern eignete sich das Stundenglas auch bestens als Symbol für das Memento mori, das Zeichen für die Endlichkeit des Lebens.
Waren Sie schon einmal in Siena? Dort, im Palazzo Pubblico, hat uns ein Maler aus dem frühen 14. Jahrhundert einen wunderbaren Freskenzyklus hinterlassen. Er handelt von der guten und der schlechten Regierung und den Effekten, die eine, im heutigen Sprachgebrauch, erfolgreiche oder defizitäre Regierung bewirkt. In der Darstellung der guten, erfolgreichen Regierung sitzen dem König einige Tugenden zur Seite, es sind die Gerechtigkeit, die Mäßigung sowie die Großherzigkeit. Die Mäßigung, auch Temperantia, ist in der Bildallegorie der guten Regierung mit einem ganz besonderen Attribut ausgestattet. Es ist die überhaupt erste in der Geschichte bekannte bildliche Darstellung einer Sanduhr, die die Mäßigung auszeichnet. Was ist aus dieser mittelalterlichen Geschichte am Ende für unsere Fragestellung zu gewinnen? Einfach gesagt, Erfolg hatte früher etwas mit dem rechten Augenmaß zu tun, dem Vermögen, langfristige Perspektiven für ein stabiles Gemeinwohl zu entwickeln. Stichwort: Ressourceneinsatz.
Ja, und da wären noch zwei Bücher zu nennen. Sie sind zeitlich gesehen gar nicht so weit voneinander entfernt entstanden. Das eine, schlicht mit „Erfolg“ betitelt, stammt aus der Feder des jüdischen Schriftstellers Lion Feuchtwanger, geschrieben im Deutschland der späten 1920er-Jahre. Das andere, Buch eines Amerikaners namens Napoleon Hill mit dem Titel „Think and grow rich“, erschien 1937 auf dem Markt. Während Hills Buch, bis heute mehr als 10 Millionen Mal allein in den USA verkauft, zu einer Bibel persönlicher Erfolgstheologie wurde, ist der Roman Feuchtwangers hingegen schwerer verdauliche Kost. Handelt es sich doch am Schauplatz der schönen Stadt München um die absichtliche Demontage eines angesehenen Mannes, der einem anderen angesehenen Manne nicht in den Kram passt. Eine durch die Macht politischer Würdenträger inszenierte Intrige vor Gericht bringt den Unliebsamen in die Strafanstalt, in welcher er, trotz viel Bemühens, unglücklicherweise kurz vor seiner Begnadigung verstirbt. Dumm gelaufen, könnte man meinen und abhaken. Allerdings besitzt die Geschichte noch eine ganz andere Brisanz. Geht es doch auch um die politische Gemengelage zu dieser Zeit, in welcher ein damals noch relativ unbekannter Rädelsführer namens Adolf Hitler das gemütliche München gehörig aufmischte.
Leider können wir Napoleon Hill weder zu Feuchtwangers Roman noch zu Hitler persönlich befragen, auch Hill ist verstorben, nach einem bemerkenswerten Lebenslauf an der Seite erfolgreicher Männer, wie seinem Mentor, dem Industriellen und Philanthropen Andrew Carnegie. Immerhin können wir mit einem Bonmot schließen. Es kommt aus dem Mund eines auch als erfolgreich geltenden Wirtschaftsführers Deutschlands, Alfred Herrhausen, welcher der Überzeugung war, die meiste Zeit ginge dadurch verloren, dass man nicht zu Ende denkt.
Die Kolumne „Die Frage zur Gegenwart“ habe ich als Textchefin für das Tush Magazin entwickelt und verfasst. Die hier nochmals publizierten Texte stammen aus dem Zeitraum von 2008 bis 2010. In loser Folge setzte ich hier die Kolumne zu brisanten und anderen Fragen zur Gegenwart mit größtem Vergnügen fort.
TUSH #24,12.2.2