Die Kolumne „Die Frage zur Gegenwart“ habe ich als Textchefin für das Tush Magazin entwickelt und verfasst. Die hier nochmals publizierten Texte stammen aus dem Zeitraum von 2008 bis 2010. In loser Folge setzte ich hier die Kolumne zu brisanten und anderen Fragen zur Gegenwart mit größtem Vergnügen fort.
TUSH #24,12.2.2

Was ist Stil?

Stil war einer der Trendbegriffe des letzten Jahres und eine Menge „Stylishness“ wurde uns um die Ohren gepfeffert. So als wäre man, was den Interieurbereich angeht, wieder zurück im 19. Jahrhundert und in einem zweiten, unübersichtlichen Historismus gelandet, der den Stilpluralismus als Auszeichnung der allergrößten Stilsicherheit geradezu plakatiert. Regelmäßig wurde zu einem breiten Portfolio an Formen und Zeiten geraten. „Stil leben“ lautete unter anderem auch die Empfehlung, beispielsweise möglichst schlichte und möglichst hautfarbene Unterwäsche zu tragen. Aber genauso galt auch das Gegenteil als stilechtes Leben. Im Ergebnis war dann vieles ohne Punkt und Komma, hingegen gab es viel Imitieren und Sammeln, und sogar das Kunstwerk als Lampe (oder, genauso gängig, die Lampe als Kunstwerk) garantierte nicht mehr, das persönliche Stilempfinden als schlagenden Beweis einer gekonnten Stilisierung aufzuführen.

Stil hat es deswegen in sich, sich insgeheim von einem Trendbegriff zu einem Kampfbegriff des noch jungen Jahres aufzuschwingen. Old brand new: Stil wird, statt affirmativ vielmehr kritisch in Stellung gebracht und damit erneut zu einem Begriff zweiter Ordnung. So zumindest unser Spekulieren unter den gegebenen Zukunftsaussichten, dass die Finanzkrise – wart’s ab – zuschlägt, das Budget einschränkt und es deswegen darauf ankommt, nicht aus dem, „was“ man hat, sondern aus dem, „wie“ man hat, das wirklich Beste zu machen. Denn, so vage der Stilbegriff auch sein mag, man kann sich zumindest darauf einigen, dass es, wenn man von Stil redet, mehr um die Frage nach dem „wie“ und weniger um die Frage nach dem „was“ geht – wie es uns beispielsweise Alexander von Schönburg in seiner „Kunst des stilvollen Verarmens“ vom Standpunkt des prekären Adels aus mitgeteilt hat. Wenn also Statussymbole nicht mehr finanzierbar sind, bzw. nicht mehr als Statussymbole taugen, ist die Rettung und ein Anker, seinen eigenen Stil aus dem Vielen, was Stil so alles gewesen sein soll, herauszuschälen, um sich selbst wieder auf den Punkt zu bringen.

Eine erste Übungseinheit auf dem Weg zum „Wie“ unternehmen wir mit einem Besuch in einer Buchhandlung. Vor schier endlosen Regalmetern, zwischen Psychologie und Kindererziehung, zwischen Boderline und Bernhard Bueb, enttarnen wir unzähliges an Ratgebern zu Stil und Style als den letzten Schrott. Warum wir uns, wenn es um Stil geht, auch mit Büchern beschäftigen, kommt dabei nicht von ungefähr, da die Stilfrage ursächlich auch im Zuge der Verschriftlichung von Sprache auftaucht – in der Überzeugung, dass ein guter sprachlicher Ausdruck auch ein Beleg von gutem Charakter und guter Moral sei: Imago animi sermo est. Stil bleibt bis zur Renaissance moralisch in der Auffassung, dass die geistig-seelische Verfassung mit der Verfasstheit einer Rede übereinzustimmen hat: Stil ist das Außen vom Innen.

Im Humanismus der Renaissance ist die Identität von Mensch und Sprache weiterhin zentraler Bestandteil des Menschenbilds, doch dieses ideale Bild eines Universalgelehrten fordert für die Rede in den nächsten Jahrzehnten verstärkt das Ideal der Eloquenz, der Beredsamkeit, ein. Das gute Argument braucht die Einkleidung in ein gutes sprachliches Ornat. Schriften über den damaligen Mann von Welt, dem „Cortegiano“ oder dem „Complete Gentlemen“ fassen zusammen, dass es bei allen Mitteln eine Arbeit an sich sei, „to get the habit of a good style in speaking and writing“, die zu einem vollkommeneren Menschsein, größerem Ansehen und einer höfisch eleganten Lebensart verhilft. Das geflügelte Wort zu dieser Zeit ist in aller Munde „Sprezzatura“.

Es wäre jedoch alles andere als menschlich, würde die breit diskutierte Stilfrage nicht konfliktreich und höchst brisant werden. Sie nimmt im 17. Jahrhundert barocke Fahrt auf und das dicke Ende kommt: Sprache, Eloquenz, Habitus, Ansehen, das Große, das Ganze, das Gute des Stils wird nach dem Gipfelsturm eines Bildungsideals außerordentlich suspekt. Die bella figura des Stils gerät unter Verdacht, Stil sei ein Mittel der gekonnten Tarnung, des schönen Scheins und der hundsgemeinen Manipulation. Stil dient im hässlichsten Fall dazu, gut zu reden, um in böser Absicht zu handeln: Stil ist nicht das Außen vom Innen.

Um diese wundersame Beziehung von Innen und Außen, zwischen Form und Inhalt, über die Epochen hinweg zu begleiten, greift die Rhetorik, die sich als Ausdrucksschule um die Art einer Rede bemüht, zu diversen Metaphern, die uns als Vermittler des Außen, des Äußerlichen, des Aussehens natürlich über alle Maßen interessieren. Körper- wie auch Kleiderkunde tauchen in Wortspielereien auf, um mit den drei hauptamtlichen rhetorischen Stilhöhen (humile, medium und grande) sowohl auf der Sonnenseite des Stils zu promenieren als auch dessen Schattenseiten auszuleuchten – in etwa so: „For diff’rent styles with diff’rent subjects sort, as several garbs with country, town, and court“. Aus der Sentenz vom „style is the dress of thought“ identifizieren wir zudem die rhetorische Form der Stilhöhen in den textilen Stilniveaus der Mode: Casual, Prêt-à-porter und Haute Couture. Hingegen legen wir uns mit dem nüchternen Verlangen vom „style is the dress of truth“ mit dem tausendprozentigen Puristen unmittelbar an den FKK-Strand der Stilfrage und wenden uns der nackten Wahrheit zu. Uff, die ist bekanntlich kaum auszuhalten – obwohl sie doch auch immer wieder etwas Vorläufiges hat. Auch der Stil hat dieses Vorläufige, Veränderliche, Wandelbare, so dass beispielsweise ein weiterer ergreifender Versuch, Stil als Nationalstil zu definieren, als vorüberziehende Episode zu den Akten gelegt werden kann. Überlebt hat das ernsthafte nationalstilistische Bemühen allerdings in den unterschiedlichen Möglichkeiten im Habitus oder, zeitgenössisch, im „Look“ der Mode à l’africaine, à la française, à l’italienne etc. aufzutreten. Hm, sieht so aus, als wären wir wieder am Ausgangspunkt unserer Bemühungen angelangt. Hm, nein, nicht ganz. Unsere Beobachtungen entzündeten sich letztlich am unübersichtlichen Geschmack vom Stilmix, der Stilisierung ohne Stil und weiterer Stillügen, denn: Stil ist nicht gleich Geschmack.

Die spontane Äußerung vom Gefallen oder Missfallen an etwas ist ein ungefiltertes Gefühl und spielt dabei sozusagen nur soufflierend für die Ausprägung von Stil eine Rolle. Was uns nämlich an einer der vielen Ausführungen über Stil überzeugt hat, war die Vorstellung eines stimmigen Gesamteindrucks, den wir erhalten, wenn uns ein stimmiger Gesamtausdruck entgegentritt: „le son, la couleur, le dessein, le mouvement, le ton, la pensée: ces diverses manifestations des facultés de l’homme, le style les réunit toutes…“. Verkürzt kristallisiert sich das gelungene Zusammenspiel von Klang, Farbe, Absicht, Bewegung, Ton, Denken, diese höchst anspruchsvolle Manifestation des menschlichen Gestaltungswillens an sich, also im Stil, im immer noch großen Satz des Comte de Buffon: „Le style est l’homme même“: Der Stil, das ist der Mensch.

So, jetzt, endlich. Da hätten wir es endlich auf den Punkt gebracht. Fintenreich, wie wir sind, liefern wir in der Sekunde genauso das Gegenteil: „L’homme c’est le style même“, der Mensch, das ist der Stil. Wie Ihr Selbstentwurf für 2009 unter den verschiedenen Stilanforderungen, die wir leider nur in einer Auswahl vorstellen konnten, aussehen wird – wie gesagt, machen Sie einfach das Beste daraus. Vergessen Sie nur eins nicht, unser Letztes zum Stil von Paul Valéry: „Der Stil, das ist der Teufel“.

Die Kolumne „Die Frage zur Gegenwart“ habe ich als Textchefin für das Tush Magazin entwickelt und verfasst. Die hier nochmals publizierten Texte stammen aus dem Zeitraum von 2008 bis 2010. In loser Folge setzte ich hier die Kolumne zu brisanten und anderen Fragen zur Gegenwart mit größtem Vergnügen fort.
TUSH #24,12.2.2